Rückblick auf die letzten Mahnwachen in Oldenburg

Der folgende Text möchte kritische Perspektiven zu der Nord-West-Mahnwache für den Frieden in Oldenburg, der ersten überregionalen Veranstaltung der Montags-Mahnwachler_innen, am 14.06.2014 sowie zu der Montagsmahnwache am 16.06.2014 darlegen.

Zum Samstag…
Zu der Nord-West-Mahnwache könnte viel geschrieben werden, wir beschränken uns aber im Folgenden auf einige Punkte, die wir als bezeichnend empfinden. Gilbert Oltmans eröffnete die Mahnwache mit der Verlesung einer Klausel, die von der antifa.elf explizit für eine kritische Veranstaltung zu den bundesweiten Montags-Mahnwachen online gestellt wurde. In dieser Klausel steht:

„Personen, die neonazistischen Parteien oder Organisationen angehören, der neofaschistischen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch verschwörungsideologische, homophobe, sexistische, rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtenden Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.“

Diese Distanzierung ist wünschenswert. Nur leider gelogen. Denn für das „Kulturprogramm“ war unter anderem der Verschwörungs-Rapper Kilez More eingeladen worden. Dieser beschränkte sich zwar bei seinem Auftritt in Oldenburg darauf seine „Friedensparolen-Lieder“ aufzuführen, hat sich aber mit Texten wie z.b. „Geistesgestört“ oder „Info-Krieger“ eindeutig verschwörungstheoretisch und menschenverachtend positioniert. So war es nicht überraschend, dass während der Veranstaltung Aufkleber – Merchandiseartikel von Kilez More – verklebt wurden, auf denen die Anschläge auf das World Trade Center in New York City am 11. September 2001 als „Inside Job“ bezeichnet werden. (10) Zudem befand sich im Publikum eine Person mit einem Pullover von der antisemitischen, verschwörungsideologischen, menschenverachtenden Band „Die Bandbreite“. (9) Bei keinem der Vorfälle gab es Bemühungen der Ordner_innen oder des Orgateams, der vorgetragenen Klausel Taten folgen zu lassen.
Dieses setzte sich auch bei Rüdiger Lenz fort. Jener war der letzte Redner am Samstag. Er wurde nicht daran gehindert, durch seinen Vortrag vehement Lebenskonzepte, die nicht in die Norm der heterosexuellen Kleinfamilie passen, unsichtbar zu machen. Dieses ist gängige Praxis in der Mainstreamgesellschaft. Doch wir erwarten, dass nach dem Verlesen einer Klausel, die sich explizit von Homophobie und Sexismus abgrenzt, diese gängige Praxis kritisch hinterfragt wird. Das ist nicht passiert, im Gegenteil Rüdiger Lenz bekam viel Beifall – auch für seine ins Biologistische gehenden Ausführungen zu Männern und Frauen, ihren heterosexuellen Beziehungen und dem von ihm propagierten einzig richtigen Familienmodell: Mutter-Vater-Kind(er) zusammen lebend, nicht getrennt.
Rüdiger Lenz zeichnete sich insbesondere durch seine selbstverliebte und -darstellende Art des Redens aus (er stellte sich in eine Reihe mit Jesus, Mohammed und Gandhi). Damit passt er perfekt in die Struktur der bundesweiten Montagsmahnwachen, bei denen hauptsächlich raumeinnehmende, und unter anderem damit dem dominanten Männlichkeitsbild entsprechende, Redner (selten Rednerinnen) anzutreffen sind. Aber nicht nur das, er schaffte es 45 Minuten mit Floskeln und Phrasen zu füllen – erzählte nirgendwohin führende Geschichtchen aus seinem Leben und schaffte damit ein Gemeinschaftsgefühl, in dem sich alle heimelig fühlen konnten, die da irgendwie reinpassten. In seinem Vortrag verallgemeinerte er durchgängig, wenn er über „die Anderen“ redete (die Linken, die Sozialarbeiter_innen, Lehrer_innen, die er alle als „Sozialagenten“ bezeichnete) und konstruierte diese als Negativfolie im Gegensatz zu sich selbst. Einen anderen, für uns erwähnenswerten, Vorfall stellte die Instrumentalisierung eines Kindes im Grundschulalters dar, das auf der Bühne einen selbst geschriebenen Text vortrug. Auch wenn wir uns vorstellen können, dass das Kind aus eigenem Willen auf die Bühne ging, um etwas vorzutragen, finden wir dies kritikwürdig, da eine radikale Auseinandersetzung mit politischen Aussagen, wie sie zwischen Erwachsenen stattfinden kann, mit Kindern kaum möglich ist.

Zum Montag…

Am letzten Montag (16.06.2014) war der Oldenburger Internetstar Werner Altnickel bei der Friedensmahnwache auf dem Rathausplatz zugegen. Ganz selbstverständlich setzte er sich in den von den Mahnwachler_innen gebildeten Redekreis und baute seine Videokamera auf.
(1)
(Altnickel am Mikrofon bei der Mahnwache am 16.06.2014)

Zunächst gab es einen Redebeitrag aus einem Buch (Todenhöfer, Jürgen: Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden. München 2013.) über die Bombardierung der Stadt Hanau im zweiten Weltkrieg durch die Allierten, der sich in den deutschen Opfermythos einreihte.
Nachdem Altnickel freundlich durch eine Person aus dem Orga-Team begrüßt wurde, begann dieser einen ausführlichen Vortrag über seine Biographie, HAARP, Chemtrails1 und andere krude Ansichten über das Weltgeschehen. Doch wer ist Werner Altnickel überhaupt?
Niemand Unbekanntes – zumindest nicht für diejenigen, die sich in den letzten Jahren ein wenig mit verschwörungsideologischen, reaktionären und (neo)nazistischen Gruppierungen und Personen auseinandergesetzt haben. Werner Altnickel, der einst bei Greenpeace, bis zu seinem Ausschluss, mitwirkte, scheint eben diesen immer noch nicht überwunden zu haben. Auch wenn er diesen Rausschmiss als Beleg für die Wahrhaftigkeit seiner Thesen wertet, liest sich das Statement zu u.a. der Chemtrailthese im Greenpeace-Magazin doch deutlich anders:
„Umweltbundesamt oder Greenpeace antworten mit den wissenschaftlichen Fakten: Ja, manche Kondensstreifen bleiben länger sichtbar. Das war schon immer so und lässt sich mit unterschiedlicher Luftfeuchte und natürlichen Verwirbelungen der Atmosphäre erklären. Ja, theoretisch kann man das Klima durch in der Stratosphäre versprühte Chemikalien beeinflussen. Doch es gibt keinerlei Hinweis, dass dies wirklich geschieht. Ohnehin müsste ständig gesprüht werden, um überhaupt einen Klimaeffekt zu erzielen, was Tausende Flugzeuge, Zehntausende Mitwisser und Milliarden-Euro-Etats erfordern würde – eine kaum geheim zu haltende Mammutoperation. Werner Altnickel ficht das nicht an. „Man darf nicht vergessen, wer alles bei der Vertuschung mit im Boot ist“, sagt er und macht eine schier endlose Liste auf: UN und WHO, Geheimdienste von CIA bis BND, das Klimaforscher-Gremium IPCC, Fluggesellschaften, Politiker und Medien. Ohne deren Hilfe, argumentiert er in Umkehrung der Beweislast, ließen sich Chemtrails ja nicht geheim halten – „und dass es sie gibt, habe ich ja mit eigenen Augen gesehen“.“

Nicht nur bei den Chemtrails, sondern auch bei dem HAARP (High Frequency Active Auroral Research Program) will Werner Altnickel Schaden für die Welt erkennen – so sprach er am Montag davon, dass die US-amerikanische wissenschaftliche Forschungsstation HAARP in Alaska, eine „Erdbebenwaffe“ sei. Hier nochmal ein paar Fakten von scienceblogs zu HAARP und zu der Möglichkeit künstliche Erdbeben zu erzeugen:

„Ist es wirklich unmöglich, Erdbeben künstlich auszulösen? (…) Nein, ist es nicht. Bzw. kommt es darauf an, was man unter “Erdbeben” versteht. Wenn man von einem Stuhl hüpft, bebt die Erde auch (wenn auch nur minimal) – man hat ein “Erdbeben” ausgelöst (…). Und in der Wissenschaft gibt es tatsächlich Geräte, die solche künstlichen “Erdbeben” auslösen. Das Verfahren nennt sich Vibroseis und man versetzt dabei den Erdboden in Schwingung (mit Sprengungen bzw. speziellen schweren und vibrierenden Fahrzeugen) und misst dann, wie sich diese Schwingungen im Boden fortbewegen. (…) Aber natürlich hat das nichts mit “Erdbeben” zu tun so wie wir es normalerweise verstehen. (…) Was aber auf keinen Fall geht ist: über ein paar Antennen Radiowellen mit einer Leistung von ein paar hundert Megawatt in den Himmel schicken und damit irgendwo ein paar tausend Kilometer entfernt ein Erdbeben der Stärke 8 (…) auslösen (bzw. generell irgendein echtes Erdbeben). Selbst wenn man es irgendwie schaffen würde, genug Energie in HAARP reinzustecken (und es ist kaum vorstellbar, wie das gehen soll) kann man die nicht einfach per Radiowelle irgendwo anders hin “strahlen” und dort die Erde beben lassen! So stellt sich vielleicht irgendjemand ohne die geringste Ahnung von Physik die Wissenschaft vor – in der Realität funktioniert sowas schlicht und einfach nicht.“

Sowohl die „Theorien“ zu Chemtrails als auch zu HAARP sind in verschwörungsideologischen Kreisen weit verbreitet. Auf den ersten Blick scheinen die Theorien „nur“ absurd zu sein, guckt man aber tiefer in diese einfachen Erklärungsmuster, so findet sich hier immer eine kleine Gruppe von Verantwortlichen für das „Böse“. Gerne werden Chiffren2 benutzt, um diese Gruppe zu benennen – doch immer steht dahinter ein antisemitisches Weltbild. Hierzu passt dann auch, dass Werner Altnickel auf seiner Homepage die antisemitische Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“ zitiert:

„Ein solches auf HAARP verdächtiges Beben trat vor einigen Jahren in der Nacht zu einem 13. April auf. Das Epizentrum lag im Dreiländereck Deutschland-Holland-Belgien. Im Juli 2001 brach zeitgleich mit dem G8-Gipfel in Italien der Ätna aus.

„Die Menschheit muss durch Zwist, Hass, Streit, Neid, ja selbst durch Entbehrungen, Hunger, Einimpfen von Krankheiten so erschöpft werden, dass sie keinen anderen Ausweg sieht, als ihre Zuflucht zu unserer vollständigen Oberherrschaft zu nehmen.« 10. Illuminaten Protokoll v. 1897.

HAARP soll u.a. gebündelte und gepulste Hochfrequenzstrahlen in die Ionosphäre (reflektiert u.a. Radiowellen, es geht also z.B. um die Störung des Funkverkehrs) schicken, um diese zu erhitzen, zu verschieben und riesige „Linsen“ hineinzubrennen, die Strahlen gebündelt zurück zur Erde schicken. Die Risiken sind entsetzlich, weil niemand genau die Reaktion der Ionosphäre vorhersagen kann.“

Die Art und Weise wie Altnickel in seinem Text die antisemitische Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“ verwendet spricht für sich selbst. Er bietet damit eine Erklärung an, wer die „Schuldigen“ für die vorher beschriebenen Katastrophen seien.
Um einen Einstieg und einen Überblick zu bekommen, warum „Die Protokolle der Weisen von Zion“ ein antisemitisches Pamphlet ist, empfehlen wir den Text der Bundeszentrale für politische Bildung.

Zu Werner Altnickels hier dargestellten Positionen passt dann auch, dass er von 2012 bis 2013 das Amt des „Reichsumweltministers“ in der „Reichsregierung“ der „Republik Freies Deutschland“ bekleidete. Diese Organisation zählt zu den sogenannten Reichsbürgern. Hier ein paar Infos von Berlin rechtsaußen dazu:

„„Reichsbürger“ haben ihr Leben ganz und gar nach der Heilslehre eines noch existierenden „Deutschen Reichs“ ausgerichtet. Das jetzige bundesrepublikanische System sei eine Fremdherrschaft, die überwunden werden müsse. „Reichsbürger“ basteln sich Fantasie-Identitätsausweise, Führerscheine oder KFZ-Kennzeichen. Nicht selten verstricken sie sich in kostspielige juristische Auseinandersetzungen mit Behörden oder legen sich anderweitig mit ihnen an. Diese lehnen sie als vom „Deutschen Reich“ nicht legitimiert ab. Die Bundesrepublik wird von ihnen als “BRD-GmbH” tituliert. Bisweilen gründen „Reichsbürger“ vereinsähnliche Strukturen, die sie “Kommissarische Reichsregierung”, Fürstentum oder gar Königreich nennen. In der Regel aber begegnet man sich auf verschworenen Versammlungen und debattiert über Chemtrails, Machenschaft geheimer Mächte, die Fremdherrschaft, Alternativen zum jetzigen System etc. Nationalsozialistische Verherrlichung, antisemitische Horrorgeschichten und Holocaustleugnung sind bei Treffen der „Reichsbürger“ keine Ausnahmen, sondern die Regel. (Hervorhebung durch die Zitierenden)“

Auch wenn er nicht mehr das Amt des Reichsumweltministers bekleidet, so verlinkt Altnickel auf seiner Seite den Film „Befreiung von der BRD GmbH“. Er hielt Vorträge für diese Szene und überklebte auf seinem KFZ-Kennzeichen die EU-Plakette mit einem schwarz-weiß-roten-Sticker. Generell sei zu Altnickels Homepage gesagt, dass sie sich u.a. über die Verlinkungen in ein Netzwerk aus diversen antisemitischen Verschwörungsideologien, Esoterik und Geschichtsrevisionismus einbettet, z.B. verlinkt er den wegen Volksverhetzung verurteilten Ernst Köwing aus Varel (derhonigmannsagt).

Werner Altnickel war ein gern gesehener und eifrig beklatschter Redner der Montagsmahnwache in Oldenburg.

Wie zu Beginn angekündigt kann dies nur einen Ausschnitt wiedergeben. In den ersten Wochen der Oldenburger Montagsmahnwachen wurden vom Orga-Team und einigen Teilnehmer_innen noch Abgrenzungsversuche unternommen gegen Verschwörungsideologien und menschenverachtende Positionen.
Auch wenn dem inhaltlich nichts folgte. Die letzten Wochen haben immer offener gezeigt, dass es sich auch in Oldenburg bei der selbsternannten Friedensbewegung 2.0 um eine Gruppe von Verschwörungsideolog_innen handelt. So konnte auf den letzten Veranstaltungen sowie auf den Facebookseiten der Oldenburger Friedensmahnwachen-Dépendance beobachtet werden, dass diese immer offensichtlicher eine Plattform für Antisemitismus, Menschenverachtung und Verschwörungsideologien ist.

Photos von Hubertus von Stein

  1. „Chemtrails (…) eingedeutscht etwa Chemiestreifen(…) sind gemäß einer Verschwörungstheorie Kondensstreifen, die neben kondensierten Flugzeugabgasen noch weitere Chemikalien enthalten sollen, die den Abgasen zugesetzt oder zusätzlich versprüht würden. Chemtrails sollen sich von normalen Kondensstreifen durch ihre Langlebigkeit und flächige Ausbreitung unterscheiden. Die Ausbringung der Chemikalien soll unter anderem dem Geoengineering, der Bevölkerungsreduktion oder militärischen Zwecken dienen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Chemtrail [zurück]
  2. Chiffren sind Wörter, Bilder und Zeichen mit verschlüsselter Bedeutung [zurück]

1 Antwort auf „Rückblick auf die letzten Mahnwachen in Oldenburg“


  1. 1 „Expertenwissen“ vom Ex- „Reichsumweltminister“ « antifa.elf Oldenburg Pingback am 11. September 2014 um 23:32 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.